Götz-Tilman Hadem, Kaufmännischer Leiter, begrüßte die Anwesenden zum Fachtag Inklusion
Götz-Tilman Hadem, Kaufmännischer Leiter, begrüßte die Anwesenden zum Fachtag Inklusion
Aus allen Regionen des Friedenshortes waren leitende Mitarbeitende angereist
Aus allen Regionen des Friedenshortes waren leitende Mitarbeitende angereist
Leitende Theologin Pfrn. Ute Riegas-Chaikowski schlug einen inhaltlichen Bogen zu Mose
Leitende Theologin Pfrn. Ute Riegas-Chaikowski schlug einen inhaltlichen Bogen zu Mose
Dr. Björn Hagen, Geschäftsführer des EREV, moderierte und startete mit einem Impulsvortrag zum Lagebild der Kinder- und Jugendhilfe
Dr. Björn Hagen, Geschäftsführer des EREV, startete mit einem Impulsvortrag zum Lagebild der Kinder- und Jugendhilfe
Aus der Perspektive der Eingliederungshilfe referierte Barbara Heuerding, Geschäftsführerin des BeB
Aus der Perspektive der Eingliederungshilfe referierte Barbara Heuerding, Geschäftsführerin des BeB
In der Dialogrunde mit dem Plenum wurden Erfahrungen aus der Praxis, Entwicklungen in den Regionen und Fragen besprochen
In der Dialogrunde mit dem Plenum wurden Erfahrungen aus der Praxis, Entwicklungen in den Regionen und Fragen besprochen
Prof. Dr. Albrecht Rohrmann von der Uni Siegen erörterte die Relevanz von Inklusion und Exklusion in Forschung und Praxis
Prof. Dr. Albrecht Rohrmann von der Uni Siegen erörterte die Relevanz von Inklusion und Exklusion in Forschung und Praxis
Eine von Dr. Björn Hagen moderierte Podiumsdiskussion am Nachmittag rundete die Veranstaltung ab
Eine von Dr. Björn Hagen moderierte Podiumsdiskussion am Nachmittag rundete die Veranstaltung ab

„Nicht entmutigen lassen“ – Fachtag zum Thema Inklusion im Friedenshort

Erstellt von Christina Hohmann |

Entwicklungen für die Zukunft, Gewissheiten und Unsicherheiten – dies und mehr war Inhalt des Fachtags, der am 17. Juli in Freudenberg stattfand.

Freudenberg. Als der Friedenshort-Fachtag zum Thema Inklusion in den Planungsschuhen steckte, konnten die Organisatoren noch nicht ahnen, dass sich bis zu dem Termin am 17. Juli 2026 so manches ändern würde. 2028, so hieß es bisher, sollte das inklusive Strukturreformgesetz der Kinder- und Jugendhilfe in Kraft treten – sprich, die Hilfen für junge Menschen mit und ohne Beeinträchtigung sollten im Sinne der Inklusion unter dem Dach der Kinder- und Jugendhilfe (SGB 8) zusammengefasst werden. Ein Thema also, dass für den Friedenshort mit seinen Angeboten der Jugend- und Eingliederungshilfe von großer Relevanz ist und daher schon seit mehreren Jahren immer wieder fachlich bearbeitet und diskutiert wurde. 

Im Rahmen der Sparpläne der Regierung im Bereich Sozialwesen ist das Inkrafttreten des geplanten Gesetzentwurfs für das Jahr 2028 allerdings erst einmal auf Eis gelegt und – möglicherweise – auf 2033 verschoben worden. „Quo vadis?“ mag man sich nun also etwas bange fragen. Und doch war der Fachtag Inklusion im Festsaal mit den aus allen Regionen angereisten Leitungskräften eine gewinnbringende und auch ermutigende Veranstaltung, denn trotz aller Unsicherheiten bleibt das Thema Inklusion natürlich relevant, wird zum Teil auch schon in der Praxis umgesetzt. Zugleich, und das zeigte die Tagung in mehrerlei Hinsicht, ist Inklusion immer auch eine Frage der inneren Haltung. 

„Vielfalt, Diversität, Unterschiedlichkeit, Buntsein ist uns in die DNA geschrieben“, betonte Leitende Theologin Pfarrerin Ute Riegas-Chaikowski in ihrer Begrüßung. „Es ist nicht nur ein diakonisches Kernthema. Jeder Mensch hat ein Recht auf ein selbstbestimmtes und wundervolles Leben. Und das gilt es zu leben, zu organisieren mit all unseren Möglichkeiten.“ Pfrn. Riegas-Chaikowski schlug zudem einen Bogen zur biblischen Geschichte des Auszugs aus Ägypten. Mose, gut ausgebildet, in seinen Fähigkeiten eingeschränkt, in einer Pflegestelle aufgewachsen, führte das israelische Volk durch die Wüste. „Es war ein Transformationsprozess mit allem, was dazu gehört: Werten, die es zu halten gilt, Strukturen, die angepasst werden müssen, Delegation von Zuständigkeiten, ein Aufeinanderhören in sozialen Bezügen und immer wieder dazwischen ‚Gemeckerʻ, Schleifen, dürre Zeiten.“ Eine Frage sei damals wie heute aktuell: „Wie können wir zusammenhalten, um niemanden zurückzulassen?“ 

„Wir haben insgesamt als Vorstand, Geschäftsführung, als Leitungen im Friedenshort die Aufgabe, die Entwicklungen umzusetzen. Dies erfordert auch im Rahmen von Inklusion eine Denkweise, die Resilienz statt Routine erfordert und dass wir gemeinsam überlegen, wie wir feste Gewohnheiten und Strukturen verlassen können“, so Kaufmännischer Leiter Götz-Tilman Hadem. Ihn bewege insbesondere, wie Inklusion neben den momentanen fiskalischen Überlegungen möglich sei. Neben der Referentin und den Referenten begrüßte Hadem auch die frühere Jugendamtsleitung des Landkreises Harburg, Katrin Richter-Fuss, sowie Katharina Schüren, Verfahrenslotsin Eingliederungshilfe des Kreises Siegen-Wittgenstein. Beide konnten sowohl in den Dialogrunden wie auch der Podiumsdiskussion interessante Erfahrungen aus ihren Arbeitsbereichen beisteuern.

Dr. Björn Hagen, Geschäftsführer des Evangelischen Erziehungsverbands (EREV), moderierte die Tagung und startete mit einem Impulsvortrag, in dem er das aktuelle Lagebild in der Kinder- und Jugendhilfe skizzierte und fachpolitisch einordnete. Dabei ging sein Blick zunächst auf die Kostenentwicklungen. Zu beobachten sei in der Kinder- und Jugendhilfe eine Kostensteigerung für den einzelnen Fall, im Wesentlichen zu begründen mit der Zunahme von Kinderschutzsituationen, herausfordernden Jugendlichen sowie längeren Verweildauern in den stationären Hilfen. Die Kinder- und Jugendhilfe entwickele sich zu einem hochspezialisierten System, dies sei aber auf Dauer nicht zu finanzieren. „Wenn wir das System verändern wollen, müssen wir vor die Welle kommen, gemeinsam mit den öffentlichen Trägern, also in einer Verantwortungsgemeinschaft“, konstatierte Hagen. Auf Basis dieser Ausgangslage skizzierte er die politischen Reformentwürfe, die enorme Einsparungen und strukturelle Veränderungen vorsehen. Die Leistungen, die nun Vorrang vor den Hilfen zur Erziehung haben sollten (beispielsweise Jugendsozialarbeit), seien systematisch in den letzten Jahren zurückgefahren worden, so dass es die Infrastruktur gar nicht mehr gebe. Die niedrigschwelligen Hilfen zu revitalisieren und aufzubauen, werde eine große Herausforderung. In dieses Konglomerat an Herausforderungen reiht sich die Inklusion als drittes Thema ein. Doch: „Inklusion ist eins der leichtesten Themen, die wir bearbeiten können, weil die Kompetenz vor Ort vorhanden ist“, so Hagen. Wesentlich schwieriger seien die Themen der Kosten und Umsteuerung der Hilfen. Sein Impuls: Man müsse sich stärker als Kompetenzträger in die Jugendhilfeausschüsse einbringen, um deutlich zu machen, was aus der eigenen Sicht notwendige Hilfen im Sozialraum seien, um der allgemeinen Kostenentwicklung entgegenzusteuern. 

Aus der Perspektive der Eingliederungshilfe referierte Barbara Heuerding, Geschäftsführerin des Bundesverbands evangelische Behindertenhilfe e. V. (BeB). In ihrem Vortrag „Inklusive Kinder- und Jugendhilfe – vom Gesetz zur Praxis oder umgekehrt?“ fokussierte sie sich auf die Frage des „Wie“. Das Wie sei einerseits die innere Dimension, bei der es um Haltung, Werte und das gemeinsame Verständnis von Teilhabe gehe. Hierzu gehörten unter anderem Fachlichkeit, also beispielsweise vertiefte Kenntnisse zu Erkrankungen, aber auch Führungsverantwortung, zum Beispiel die Entscheidung, welche Ressourcen bereitgestellt werden können, um Inklusion bzw. Teilhabe zu verbessern. Die äußere Dimension sei die Frage der Kooperation und der verbindlichen Zusammenarbeit. Als Träger intern zu einer gemeinsamen inneren Haltung zu Inklusion zu kommen, sei das eine. „Aber das Ganze geht natürlich nicht ohne die entsprechenden Partner und Partnerinnen auf der Seite der Leistungsträger und Leistungsträgerinnen“, so Heuerding. „Das Ziel ist, eine Lösung für den Jugendlichen, das Kind zu finden, das gerade da ist. Darauf muss man sich fokussieren und gucken, wie man an einem Strang ziehen und passgenaue Hilfen entwickeln kann.“ Als Gelingensbedingungen für die teilhabeorientierte Kinder- und Jugendhilfe nannte sie unter anderem das Überwinden von traditionellen Zuschreibungen, klare Kooperationen, Akzeptanz der unterschiedlichen Aufgaben und das einzelne Kind in den Vordergrund zu stellen, unabhängig davon ob es Teilhabebedarf oder Erziehungshilfebedarf hat. „In einer so verstandenen Verantwortungsgemeinschaft wird als Erstes nach den Bedarfen im Einzelfall gefragt. Das heißt, das Thema Mitmenschlichkeit ist für die Frage der Teilhabe und Inklusion der entscheidende Faktor.“

Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Albrecht Rohrmann von der Universität Siegen erörterte am Nachmittag die Relevanz von Inklusion und Exklusion in Forschung und Praxis. Nach einer sozialwissenschaftlichen Definition der Begriffe Exklusion und Inklusion lenkte er den Blick unter anderem auf Exklusionsrisiken in und durch die Kinder- und Jugendhilfe. Zu diesen gehörten die geteilten Zuständigkeiten und die weitere Verschiebung der Gesamtzuständigkeit bis mindestens 2033. „Die Sozialstaatsdebatte aktuell ist diskriminierend. Was macht das mit Menschen, wenn es heißt ‚Das kostet zu viel Geldʻ? Dies hat ein unglaubliches Potenzial der Ausgrenzung“, so Prof. Rohrmann. Ein weiteres Exklusionsrisiko seien die unübersichtlichen Zugänge zu Hilfen. „Die unterschiedlichen Zuständigkeiten sind schon für Fachleute kompliziert, aber Familien sind überfordert und fühlen sich allein gelassen.“ Auch die Ersatzkommunikation durch Erwachsene gehöre zu den Risiken. „Wenn das Kind eine Behinderung zugesprochen bekommt, dann ist es bei den Hilfeplangesprächen nicht mehr dabei“, nannte Rohrmann als Beispiel und verdeutlichte, dass dies zu einer erlernten Hilflosigkeit führe. Risiken der Ausgrenzung spitzten sich zudem häufig in Übergängen zu, also bei Careleavern mit Beeinträchtigungen, für die es keine guten Möglichkeiten gebe, die Übergänge in Hilfen für Erwachsene zu gestalten. Sein Fazit für die Zukunft der inklusiven Kinder- und Jugendhilfe blieb positiv: „Man darf sich nicht entmutigen lassen durch Politik. Die Weichenstellung ist mit dem Kinder- und Jugendhilfestärkungsgesetz 2021 eingeleitet worden. Jugendhilfe hat die Aufgabe bekommen, inklusive Angebote zu entwickeln. Inklusion ist ein Prozess und wird es auch bleiben, eine konkrete Utopie. Das kann uns immer wieder anspornen, weiterzukommen“, so Prof. Rohrmann. 

Was benötigt der Friedenshort, um sich inklusiv aufzustellen und wie geht es weiter? Diese Fragen diskutierten die Leitungskräfte und Mitarbeitenden in einer Dialogrunde sowie Gruppenarbeiten. Deutlich wurde, dass bei allen Veränderungen auch die finanziellen und baulichen Ressourcen, der Mehraufwand in den Verwaltungen und Belastbarkeitsgrenzen der Mitarbeitenden berücksichtigt werden müssen. Potenzial zeigte sich vor allem auch in dem Austausch untereinander, insbesondere durch die bundesweite Tätigkeit: Es sei möglich, voneinander zu lernen und sich auch fachübergreifend zwischen Jugendhilfe und Eingliederungshilfe auszutauschen. 

Eine von Dr. Björn Hagen moderierte Podiumsdiskussion mit Pfrn. Ute Riegas-Chaikowski und Götz-Tilman Hadem, den Fachbereichsleitungen Corinna Jürging, Matthias Fickler und Timon Brandenberg sowie mit Prof. Dr. Albrecht Rohrmann, Katrin Richter-Fuss und Katharina Schüren rundete den Fachtag ab. 

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