Dorsten. 100 Jahre Einrichtung Dorsten dieses Jubiläum ist wahrlich ein Anlass zur Freude und zum Feiern. Es ist eine bewegende Geschichte, auf die die Einrichtung zurückblicken kann. Eine Geschichte von kleinen Anfängen und Wachstum, von Zerstörung und Neuanfängen, von Rückschlägen und der unerschütterlichen Zuversicht, dass Gottes Hand durch alle Not hindurchträgt.
Es ist das Jahr 1926. Emma Fricke, eine alleinstehende Dame aus Dorsten, möchte ihr dreistöckiges Haus mit Garten der Heimat für Heimatlose (früherer Name der Evangelischen Jugendhilfe Friedenshort GmbH) zur Verfügung stellen. Zunächst bleibt dies nur ein Wunsch, denn aufgrund der herrschenden Wohnungsnot können die Zimmer nicht für die Aufnahme von Kindern freigemacht werden. Doch schließlich ist es so weit. In wenigen Räumen kann „ein ganz kleiner Anfang gemacht werden“, schreibt Eva von Tiele-Winckler in ihrem Buch „Nichts unmöglich“. Sie selbst hatte das Haus am Westwall 49 besucht: „Deutlich erinnere ich mich noch meines ersten und bisher einzigen Besuches, als Gast des lieben alten Fräuleins. Das Ganze schien hoffnungsreich für die Zukunft.“
Schwester Anna Busch wird als sogenanntes „Mütterchen“ damit betraut, die Kinderheimat zu gründen. Es ist die 42. Einrichtung der Heimat für Heimatlose. „Am 7. April 1926 wurde ich zum Einrichten einer neuen Heimat nach Dorsten geschickt. Es war ein sehr bescheidener Anfang in drei Räumen des dritten Stockwerkes“, berichtet Sr. Anna. „Fast kein Tag verging, wo nicht irgend etwas für unsere Einrichtung oder an Lebensmitteln ins Haus kam. Auch manche Geldgaben bekamen wir, so dass ich bald die ersten Anschaffungen an Wäsche machen konnte. Mit Freude ging es dann ans Nähen, und ein Stück nach dem andern konnte in den kleinen Schrank gelegt werden.“
Das erste Kind, das am 5. Juni 1926 in die neue Kinderheimat einzieht, ist ein acht Monate alter Junge. „Das war fürs ganze Haus ein Freudentag“, so Sr. Anna. Insgesamt gibt es zunächst Platz für sieben Kinder. Es ist ein Beginn ohne finanzielle Sicherheit. „Fast ganz ohne feste Einnahmen lebten wir im ersten Jahre aus der Hand unseres Gottes“, so Sr. Anna. Mehrmals werden Geld oder Essen knapp, so dass die Versorgung am nächsten Tag unklar bleibt. Immer wieder erhalten sie in diesen Momenten unerwartete Hilfe von anderen Menschen, die sie als Gebetserhörung empfinden. Am Ende des Tages ist genug für alle da. Mit der Zeit wird der Raum knapp, bis die Kinderheimat eine ganze Etage und später sogar das ganze Haus beziehen kann.
Ein schlimmer Einschnitt ist das Jahr 1945. Kurz nach dem Tod von Emma Fricke, die das Haus mittlerweile der Einrichtung übereignet hat, fallen die Bomben über Dorsten nieder. Die Innenstadt von Dorsten wird zerstört, auch von dem Haus am Westwall bleibt nach zwei großen Angriffen nicht mehr übrig als ein Trümmerhaufen. Das Wichtigste aber ist: Alle Kinder und Schwestern überleben. Während des ersten Angriffs finden sie Zuflucht im Keller und erfahren Bewahrung: „Plötzlich wurde es stockfinster, die Luft dick. Sicher wären wir alle erstickt, hätten wir nicht gerade an diesem Tag einen gefüllten Wassereimer im Raum stehen gehabt und Tücher, die blitzschnell ins Wasser getaucht und im Dunkeln jedem Kind weitergereicht wurden, um sie vor Mund und Nase zu halten. Wir
dachten, in jedem Augenblick in die Ewigkeit zu gehen. Aber Gott dachte anders. Unversehrt konnten wir aus dem Keller steigen. Der Anblick, der sich uns bot, war erschütternd. Alle Nachbarhäuser waren weg, unser Spielplatz ein großer Bombentrichter“, schreiben Sr. Luise Rauschert, seit 1938 Leiterin der Kinderheimat, und Sr. Johanna Krämer.
Die Kinder und Schwestern fliehen zu Fuß nach Holthausen, wo die Kinderheimat „Eichengrund“ des Friedenshortes sie freundlich aufnimmt. Einige Wochen später kehrt Sr. Luise mit Sr. Johanna und einem der älteren Jungen zurück nach Dorsten, um eine neue Bleibe zu finden und die Trümmerstätte nach nicht zerstörten Gegenständen zu durchsuchen. Nach und nach kehren die Kinder zurück und kommen zunächst in der Nähe des Hauses unter. Währenddessen wird der Bau einer Baracke vorbereitet, die neben dem Garten des alten Hauses stehen soll. Doch auch diesmal gibt es eine harte Prüfung. Im Februar 1946 treten die Flüsse über die Ufer, es ist ein Hochwasser, wie man es in Dorsten Jahrzehnte nicht gesehen hat. Von dem ohnehin kaum noch übrigen Hab und Gut verdirbt nun auch noch einiges durch das Wasser. Auch diesmal erfährt die Kinderheimat große Unterstützung. Möbel werden geschenkt oder es ist genug Geld da, um welche zu kaufen. So kann die Baracke, die neue Unterkunft für die Kinder und Schwestern, im Sommer 1946 eingeweiht werden.
Da immer mehr Kinder einen Platz benötigen, entsteht der Plan, das zerstörte Haus neu aufzubauen. Sr. Luise ist daran maßgeblich beteiligt. „Am 13. November [1949] konnten wir mit Lob und Dank im Herzen unser wieder aufgebautes Haus ‚Gottessegen’ dem Herrn, unserem Gott, neu einweihen. Nach viel Arbeit und mit Hilfe unserer treuen Freunde wurde nach mehreren Jahren unser altes und jetzt wieder neues Haus den Kindern zur Heimat übergeben“, heißt es im „Im Dienst des Königs“. Und das Haus wächst weiter! 1957 wird ein großer Anbau eingeweiht, in den die Gruppen „Brieftauben“ und „Felsentauben“ einziehen.
1994 geht die Ära am Standort Westwall 49 zu Ende. Mit dem Umzug in den Dorstener Ortsteil Holsterhausen (An der Molkerei 24) wird ein neues Kapitel aufgeschlagen. Eine Fläche von fast 800 m2 steht nun für eine stationäre Gruppe mit zehn Kindern und Jugendlichen, eine Tagesgruppe mit neun Kindern, Wohnungen für das Betreute Wohnen sowie Räume für die Einrichtungsleitung zur Verfügung.
Heute, 100 Jahre nach der Gründung, gibt es in Dorsten sowie in Reken insgesamt fünf stationäre Wohngruppen, eine Tagesgruppe sowie 13 Plätze für das sozialpädagogisch betreute Wohnen. Darüber hinaus werden mehrere Familien über die Ambulanten Hilfen sowie über die Mobile Jugendhilfe begleitet. 73 Mitarbeitende und drei FSJler sind in der Einrichtung Dorsten beschäftigt. Wie gut, dass Mutter Eva damals den Standort in Dorsten als hoffnungsreich für die Zukunft befand! So können wir dankbar sein für alles, was geworden ist, und so wollen wir, wie Mutter Eva, voller Hoffnung und Zuversicht in die Zukunft blicken.
Und das wurde gebührend gefeiert: Im Mittelpunkt des bunten Jubiläumsfestes am 12. Juni 2026 stand ein Mitmachzirkus für Klein und Groß im Bürgerpark Maria Lindenhof, begleitet von dem Zirkus „Manegentraum“. Nach vier Tagen der Vorbereitung erwartete alle Gäste eine große Abschlussvorstellung im Zirkuszelt.
Bericht über das Jubiläumsfest




