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Das klassizistische Schloss mit neogotischer Anmutung entstand in mehreren Etappen ab dem Jahr 1812
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Eindrucksvoll war auch der Innenbereich mit prachtvollen Türen, wie eine frühere Aufnahme demonstriert
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Eine Drohnenaufnahme aus der Phase des Wiederaufbaus des erhaltenen Schloss-Fragments - (c) Stadtverwaltung Bytom
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Bei der Restaurierung hat man sich sehr um einen authentischen Wiederaufbau bemüht - (c) Izabella Kühnel
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Ein alter Bauplan zeigt den Grundriss des Erdgeschosses von Schloss Miechowitz. Repro: Izabella Kühnel
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Die mächtigen Türen und Säulen lassen etwas davon erahnen, wie es einst im Schloss ausgesehen hat...

Schloss Miechowitz: Prachtbau, Ruine und zukünftig Kulturstätte

Erstellt von Izabella Kühnel + Katharina Gucia (Übers.) |

Am Ort, an dem Eva von Tiele-Winckler aufgewachsen ist, entsteht kulturelles Leben.

Miechowitz (Miechowice). Die Geschichte von Schloss Miechowitz ist auch eine Geschichte seiner Zerstörung! Zehn Prozent des ursprünglichen Schlosses sind heute noch als Fragment erhalten, dies ist lediglich ein Teil des Westflügels. Zusammen mit dem Parkkomplex wurde es 1995 in das Denkmalregister der Woiwodschaft Schlesien eingetragen. Nach dem Einmarsch der Roten Armee am 27. Januar 1945 war das Schloss geplündert und zum Teil verbrannt worden, ein halbes Jahr später führte ein erneuter Brand zum weiteren Verfall. Nach dem Zweiten Weltkrieg befanden sich Büros und Wohnungen des Staatlichen Landwirtschaftlichen Betriebs in den nutzbaren Teilen des Schlosses. In der Silvesternacht 1954/1955 sprengten Pioniere der Polnischen Volksarmee einen beträchtlichen Teil des Schlosses. Aber im Januar 2019 haben Renovierungsarbeiten im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau des Schloss-Fragments begonnen. Der führende Investor ist der Fachbereich Investitionen und Instandsetzung des Stadtamts in Bytom (Beuthen). Das Projekt wird voraussichtlich Ende 2020 beendet. Zukünftig sollen im Schloss Kulturangebote durch das Kulturzentrum in Beuthen als Pächterin des Objekts) angeboten werden.

Anfang des 19. Jahrhunderts beginnt die Geschichte des Schlosses, als der Kaufmann Ignaz Domes Land und Güter in Miechowitz erwarb. In den Jahren 1812–1817 errichtete er dort ein klassizistisches Schloss für seine Tochter Maria und ihren Ehemann Franz Aresin. Es handelte sich um ein zweigeschössiges Gebäude auf einer rechteckigen Fläche mit Dachgeschoss und zwei Eingängen von Nord und Süd. 1832, nach dem Tod von Aresin, heiratete Marie den Bergwerksleiter Franz Winckler. Das Paar vermehrte das Vermögen rasch, indem es Grundbesitz, Bergwerke und Hütten in weiten Teilen der Region erwarb. 1840 wurde Franz Winckler in den Adelsstand erhoben. Aufgrund des hohen gesellschaftlichen Status der Familie beschloss man, in Miechowitz einen repräsentativen Sitz zu errichten.

Nach dem Tod des Paares erbte die Tochter von Franz Winckler aus erster Ehe, Valeska von Winckler-Domes, das riesige Vermögen. 1854 heiratete sie den Oberstleutnant Hubert von Tiele.  Man vereinigte die Geburtsnamen und die Wappen der Eheleute und ihre Nachfahren trugen fortan den Nachnamen Tiele-Winckler. Sie bildeten somit den Ursprung einer der mächtigsten adeligen Familien in Schlesien. Hubert von Tiele-Winckler sorgte nun für den weiteren Ausbau des Schlosses. Die Arbeiten (nach einem Entwurf der Berliner Architekten Richard Lucae) wurden ab 1855 in mehreren Etappen durchgeführt und dauerten vier Jahre. Damals entstanden zwei Flügel im Stil der englischen Neogotik. Mit ihrer Aufteilung in Blöcke, den vier Türmen und Zinnen, erinnerte die Residenz an ein mittelalterliches Schloss. Die Baumeister Heinrich August Nottebohm und Koeppen (Schüler der Berliner Bauakademie) hatten während der Errichtung des Objekts noch zahlreiche, korrigierende Änderungen vorgenommen. Bis 1859 wurden 145.000 Taler für den Bau verausgabt.

Die senkrechte Dominante des östlichen neogotischen Flügels des gesamten Komplexes bildete der achteckige rund 35 Meter hohe Schwalbenturm. Seinen Namen verdankte er einem über der Eingangstür angebrachten Flachrelief, das ein Schwalbennest abbildete. Zum Turm führte eine repräsentative Auffahrt. Vor dem Turm befanden sich eine ovale Grünfläche und ein Springbrunnen, der mit der Skulptur „Knabe mit Schwan“ des bekannten oberschlesischen Bildhauers Theodor Kalide (ein Schwager Franz Wincklers) verziert war. Die nördliche Ecke des Flügels wurde von einem runden Wasserturm flankiert, in dem ein Wasserbehälter und Wasserleitungen verbaut waren, die das Wasser aus dem Untergrund des Bergwerks „Maria“ beförderten. In diesem Teil des Schlosses war auch die Küche. Der Westflügel, der sich fragmentarisch bis heute erhalten hat, wurde von einem rechteckigen Pulverturm dominiert, der von Verteidigungstürmen mittelalterlicher Schlösser inspiriert war. Von Nordwest schloss ein runder Turm ohne genauere Bezeichnung die Gesamtheit ab. Von innen war der Turm mit einem pflanzlichen Fries verziert. In diesem Teil des Schlosses befand ein großer Saal mit einem neogotischen Gewölbe, der Blumenhalle genannt wurde. Im nördlichen Teil lag die Taufkapelle, in der, mit Ausnahme der ältesten Tochter, alle Kinder von Valeska und Hubert von Tiele-Winckler getauft worden sind. Die gotischen Spitzbogenfenster waren mit bunten Glasfenstern verziert (eines davon zeigte die Heilige Hedwig). Im Obergeschoss befand sich ein Bildersaal und ein von Valeska von Tiele-Winckler errichtetes Museum.

Zeitgleich mit dem Bau des Schlosses wurde der Park in einen englischen Landschaftspark umgestaltet. Der Gartenbauinspektor B. Becker führte ab den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts rund 360 neue Baum- und Pflanzenarten ein. Es entstanden ebenfalls ein Wintergarten und zahlreiche Gewächshäuser. Valeska und Hubert hatten vier Söhne und fünf Töchter. Zur Geburt der Nachkommen pflanzten sie in der Umgebung des Schlosses ringsum Eichen, in deren Rinde die Namen der Kinder eingeritzt waren. Valeska von Tiele-Winckler starb am 14. Februar 1880 nach langer Krankheit in Berlin. Drei Jahre später heiratete Hubert die Gräfin Rosa von der Schulenburg. Aus dieser Ehe ging 1887 der Sohn Raban hervor. Hubert starb 1893 in Partenkirchen (Bayern). 1906 zog die Familie von Miechowitz in die Residenz nach Moschen, unweit von Krappitz. Ein Jahr später brachte der älteste Sohn von Valeska und Hubert ihre Leichnamen aus der Krypta in der Heiligkreuz-Kirche in Miechowitz auf den Friedhof in Moschen. 1925 verkaufte der Enkel von Hubert, Graf Claus von Tiele-Winckler, die Residenz samt Park an die Preussengrube AG. Lediglich Eva von Tiele-Winckler verblieb in Miechowitz und lebte bekanntlich in ihrem „Häuschen” auf dem Friedenshort-Gelände unweit des Schlosses.

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