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16.05.2003 00:00 Alter: 16 Jahr(e)

Neue Bilder aus dem Tiele-Winckler-Haus im Kulturforum Hellersdorf

VON: HENNING SIEBEL


Kunsttherapeut Oliver Teuscher zog interessante Parallelen zwischen Kunst und menschlichen Entwicklungsprozessen


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Peter Wagner (re. mit Kappe) erläutert den interessierten Besuchern einige der Bilder


Kunst im Dialog: Christian Balzer mit Besucher

Es ist bereits das dritte Mal, dass Bilder von Bewohnerinnen und Bewohnern aus dem Haus ,Erntekranz" der Tiele-Winckler-Haus GmbH im Hellersdorfer Kulturforum gezeigt werden. 15 neue Werke sind nun in einer kleinen Ausstellung zu sehen, die am 3. Mai 2003 eröffnet wurde. Die Ausstellung läuft voraussichtlich bis einschließlich August. Kunsttherapie ist fester Bestandteil des differenzierten Angebots für die 40 Bewohnerinnen und Bewohner - Menschen mit geistiger Behinderung oder Schädel-Hirn-Trauma. Unter der Anleitung des Kunsttherapeuten Oliver Teuscher entwickeln sie eine beachtliche Kreativität. In Acryl, Aquarell oder auch als Buntstift-Zeichnung gelingen den Künstlern faszinierende Werke, die auch einen unmittelbaren Ausdruck ihrer Persönlichkeit zeigen. Durch regelmäßige Übungen entwickeln sie ihren künstlerischen Ausdruck stetig weiter. - Bilder (4): Pfr. Leonhard Gronbach Was ist Kunst? Was ist Kunst? Bevor Oliver Teuscher bei der Vernissage dieser Frage nachging, legte er den Fokus auf die Rahmenbedingungen. Bleibt in einer materialistisch geprägten Gesellschaft Raum für die Kunst behinderter Menschen? Oliver Teuscher zeichnete das prägnante Bild der ,Ohnmacht im Rationalismus": Alles werde in eine zweckgerechte Form gebracht, im Informationszeitalter zähle vor allem, was sich rechne. Das Vorherrschen von ,In-Formiertheit" und Konformität lasse aber das Schwierige, Unkonforme, lasse kranke oder behinderte Menschen auffallen. Dabei berge jedoch das Informationszeitalter die Gefahr der Falsch- und Fehlinformation, der materiellen und psychischen Schädigung mit den Folgen großer Verunsicherung, Angst, bis hin zur Krankheit. ,Wenn ich wüsste, was Kunst ist, würde ich es für mich behalten", zitierte er Pablo Picasso und - zugespitzt - Johann Nestroy: ,Kunst ist - wenn man"s nicht kann. Denn wenn man"s kann, ist"s ja keine Kunst." Und - daran anknüpfend - Markus Treichler: ,Kunst kommt vom Sich-Abmühen, Ringen, Abtrotzen, Nicht-Aufgeben - also tatsächlich vom Nicht-Können aber trotzdem weitermachen, sich weiter bemühen." Kennzeichnend für den künstlerischen Prozess sei aber auch das Ferne an der Kunst oder - wie Rilke es ausdrückte -, dass ,Kunstwerke zukünftige Dinge sind, deren Zeit noch nicht gekommen ist. Die Zukunft, aus der sie stammen, ist fern." Kunst sei daher nach Markus Treichler, was Zukunft in sich hat. Die Zukunft spielt laut Oliver Teuscher in den künstlerischen Prozess aber insofern hinein, als immer etwas Unvorhergesehenes, Ungeplantes geschehe - etwas Zukünftiges in die Gegenwart des Werkprozesses integriert werde: ,Der Künstler fragt nicht, wie ist das alles so gekommen? Sondern: Was fehlt Dir noch, was verlangst Du jetzt von mir?" ,Kunst-schaffen benötige eine besondere Offenheit, passiv in die Welt zu schauen.? (Joseph Beuys). Kunstprozess und Entwicklungsprozess der Menschheit Der Mensch befinde sich auf einer Entwicklung vom Naturwesen zum Kulturwesen, verdeutlichte Teuscher. Kultus, Kunde (Wissenschaft) und Kunst bringe er aus sich hervor und in die Welt hinein. Dabei betrete er über Krisen, Krankheiten, Abwege, Umwege und Auswege hinweg immer neue Stufen des Ausgleichs und der Gesundung. Kunst erfülle dabei auch die wichtige Funktion des Ausgleichs und der Orientierungshilfe. Ohne die für den künstlerischen Prozess geforderte Offenheit gerate der Mensch schnell in die Falle der Zweckrationalität, einer vom ganzen ab-gefallenen Mentalität. Statt Kunst würde dann Kitsch produziert, indem kultureller Abfall wieder in die Kultur zurückgeführt werde. Vilèm Flusser formulierte es so: "Kitsch heißt, es sich im Abfall häuslich einzurichten und gemütlich zu sterben." Kunst dagegen - so Teuscher - entstehe im spielenden Neu-Versuchen und Weiter-Führen, im Herausbilden und Neuordnen künstlerischer Elemente. Diese Auseinandersetzung, dieser Kampf, dürfe aber nicht gegen Disharmonien oder Krankheit geführt werden, sondern für neue Ziele aus der Zukunft. Diesem Prozess stelle man sich im Atelier übend immer wieder neu und dabei könne es gelingen, das Geistige wieder zu finden, das als Formgesetz und Gestaltungsprinzip (durch uns) den Stoff, die Materie, den Leib präge. Die Rahmenbedingungen: Kunst und das Haus "Erntekranz" Die Konzeption des Hauses "Erntekranz" wirkt bei der künstlerischen Entfaltung positiv mit. In fünf Gruppen zu je 8 Personen leben die BewohnerInnen in familienähnlichen Strukturen zusammen. Sie führen weitgehend ein selbstbestimmtes Leben bei individueller Betreuung. Immer steht der einzelne Mensch mit seiner Persönlichkeit und seinen Fähigkeiten im Mittelpunkt. Helle lichtdurchflutete Räume bieten viel Platz für künstlerisches Schaffen. Die Ausstellung im Kulturforum Hellersdorf ist montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr zu sehen, an den Wochenenden nach telef. Vereinbarung (030-561 11 53). Adresse: Carola-Neher-Str. 1, 12619 Berlin. Es liegt direkt an der U-Bahnlinie 5, ca. 1 Minute Fußweg vom U-Bahnhof Neue Grottkauer Straße. Zu sehen sind die Bilder der folgenden Künstler: Alibert Schmidt Elfi Prang Brigitte Dumke Günter Stöckmann Peter Kochanski Christian Balzer Jörg Chamulla Peter Wagner