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Die Jugendhilfe des Friedenshortes von den Anfängen bis heute - und eine revolutionäre Grundidee

Die Kleinsten waren im Miechowitzer Friedenshort in „Haus Sonnenland“ beheimatet.
Kinder vor dem Haus Friedenshort 1932
Flucht und Vertreibung trennten den Friedenshort und führten die Diakonissen 1947 nach Bad Berleburg und 1946 nach Heiligengrabe.
Diakonissen mit Kindern in Bad Berleburg
1957 wird der neue Sitz des Friedenshortes mit Mutterhaus und einigen Kinderheimaten eingeweiht.
Die Kinderheimat Hoisdorf in den 60er Jahren
Die Wohngruppe Tannenzweige in Heiligengrabe in den 70er Jahren
Friedenshort-Wohngruppe in den 80er Jahren
Ausdifferenzierte und individuelle Hilfen kennzeichnen die heutige Jugendhilfearbeit des Friedenshortes. © Foto: Ehrenberg-Bilder / Fotolia

Welche Leitidee, welcher pädagogische Ansatz, wurde von Mutter Eva verfolgt? Geht man davon aus, dass das Gedicht „Heimat für Heimatlose“ die Grundlage bildet, dann entscheidet sich Mutter Eva dafür - im Gegensatz zu damals gängigen Unterbringungen in Anstalten und Rettungshäusern - Kindern ein Zuhause, eine Heimat zu geben. Diese Heimat für Kinder bedeutet „Familie“. So entstand bereits vor rund 100 Jahren ihr Ansatz, familienähnliche Strukturen zu schaffen, in denen die Kinder in kleinen, überschaubaren, autonomen Kinderfamilien aufwachsen und leben konnten. Jeweils eine Diakonisse war die zentrale Person einer solchen Kinderfamilie und übernahm die Mutterrolle. 

Dieser familienähnliche Charakter bestimmte auch, dass in diesen Gruppen Jungen und Mädchen  unterschiedlichen Alters aufgenommen wurden. Ein Novum für die damalige Zeit und ein pädagogischer Ansatz, der sich Ende der 60er Jahre nach der sogenannten Heimrevolte als alters-und geschlechtsgemischte Wohngruppen für Kinder und Jugendliche weithin etablieren sollte. Diese Strukturen verhinderten im Friedenshort zudem jene Auswüchse, die die Heimerziehung der 50er bis Anfang der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts pauschal in Verruf gebracht haben. Bedingungslose Annahme der Kinder und Jugendlichen, Liebe, Zuwendung, zuverlässige Strukturen und das Praktizieren christlicher Nächstenliebe waren neben der Vermittlung von Bildungsmöglichkeiten die inhaltlichen Leitlinien für die Kinderfamilien des Friedenshortes.

Mutter Eva bewies Weitblick

Weitblick bewies Mutter Eva auch in betriebswirtschaftlichen Zusammenhängen. Mit der Heimat für Heimatlose GmbH wählt sie für das Werk als weiteres Novum eine Rechtsform, die in der damaligen Wohlfahrtspflege noch keinerlei Anwendung fand (vgl. Artikel zur GmbH-Gründung). Zudem war Mutter Eva unermüdlich unterwegs, um das mittlerweile große Werk zusammen zu halten, Impulse zu geben, zu gestalten, Leiterin und Seelsorgerin zu sein - immer da und ansprechbar für die Schwesternschaft und die Menschen in ihrer Obhut. Ihrer Gesundheit war dieser unermüdliche Einsatz nicht dienlich. Mutter Eva verstarb im Jahr 1930 nur 64-jährig. Ihr Grab befindet sich unweit von Kirche und ihrem "Häuschen" auf dem Gelände des ursprünglichen Friedenshortes in Miechowitz/Oberschlesien im heutigen Polen.

Die dunklen Jahre des Faschismus zogen auf, mit allen Einschränkungen und aller Bedrängnis, der Not und Sorge um das Ganze und einzelne Menschen, die die Ideologien der damaligen Machthaber für solche Einrichtungen mit sich brachten. Der Mut durch den Glauben vieler Diakonissen hat den Friedenshort in dieser dunklen, schweren Zeit vor dem Schlimmsten bewahrt. 

Der Zweite Weltkrieg brachte dann die Zäsur für das Werk. Vertreibung, Flucht, Zerschlagung und Trennung waren zur bitteren Realität des Friedenshortes geworden. Mit unermüdlichem Einsatz und tiefem Glauben an die Kraft des gewährenden Gottes, ging die Arbeit für die Kinder und Jugendlichen durch die Heimat für Heimatlose GmbH an anderen Orten aber mit der gleichen Intention weiter. In älteren Aufzeichnungen wie im "Dienst des Königs", dem Vorläufer unseres heutigen Hausmagazins, gibt es eine Vielzahl von Berichten und Schilderungen, aus denen deutlich hervorgeht, wie das Wirken Gottes dieses Werk begleitet und getragen hat. Scheinbar unlösbare Probleme wurden lösbar. Schwierigste Verhältnisse und Situationen wurden gemeistert. Eine im Gebet bittend und ringende Schwesternschaft erlebte, dass Mutter Evas Leitsatz „Nichts ist unmöglich dem, der da glaubt“, zu einer nahezu täglichen Erfahrung wurde.

Die Einrichtungen der Heimat für Heimatlose GmbH fanden überwiegend in Westdeutschland ein neues Zuhause. Wie Deutschland insgesamt, so wurde auch das Mutterhaus geteilt. Ein Teil der Schwesternschaft gründete sich neu in Heiligengrabe in der damaligen DDR und ein Teil zuerst in Bad Berleburg und dann in Freudenberg in der BRD. Im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands wurde auch der Friedenshort wieder vereinigt, seine Standorte in Ost und West sind geblieben. Freudenberg in Westfalen wurde zum Hauptsitz des Gesamtwerks. 

Doch nun wieder zurück zur Jugendhilfe in das Nachkriegsdeutschland.  Das Handeln veränderte sich. Die junge Bundesrepublik novellierte 1953 das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz von 1922. Dies bedeutete nun finanzielle Transferleistungen des Staates für Leistungen in der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Fürsorgeerziehung. Das Sozialstaatsprinzip und die Einführung der Sozialgesetzbücher sicherten die soziale Arbeit der freien Wohlfahrtspflege finanziell ab. Der Lebensunterhalt und die Betreuung der Kinder, auch in der Heimat für Heimatlose GmbH, waren sichergestellt. 

Im Deutschland der 50er und 60er Jahre fand diese Arbeit hauptsächlich in großen Einrichtungen wie Waisenhäusern, Kinderheimen und Fürsorgeerziehungsheimen statt, die oft mit rigiden Erziehungsmethoden die Betreuung leisteten. Die Heimat für Heimatlose GmbH verlor jedoch ihre Grundprinzipien nicht aus dem Auge. Weiterhin waren es Diakonissen, die als „Mütterchen“ in überschaubaren familienähnlichen Strukturen die Arbeit an den Kindern versahen.

Wandlung und Professionalisierung

Ende der 60er Jahre führte die Heimkampagne der APO (Außerparlamentarische Opposition) im Bereich der Erziehungshilfe zu gravierenden Veränderungen. Schlagworte wie „Menschen statt Mauern“ sorgten in der Folge nahezu für die Auflösung sämtlicher geschlossener Strukturen der Unterbringung. Immer mehr Fachleute wie Erzieher, Sozialpädagogen und Sozialarbeiter wurden ausgebildet und fanden zunehmend mehr Beschäftigung in den Einrichtungen der Jugendhilfe. Dies führte in der Folge zu einer erheblichen Professionalisierung der Arbeit in den Heimen allgemein, eine Wandlung vollzog sich aber auch in der Heimat für Heimatlose GmbH. Die Diakonissen in den Familiengruppen wurden nach und nach durch solche Mitarbeiter ersetzt. 
Es war auch die Zeit, in der die Aufgaben neu definiert wurden. Die Problemsituationen von Kindern und Jugendlichen veränderten sich aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung in unserer Republik. Nicht mehr die Versorgung von jungen Menschen stand im Vordergrund, sondern die Hilfsmöglichkeiten, die jungen Menschen zu gewähren waren, weil sie durch unterschiedliche, zum Teil traumatische Lebenserfahrungen, intensiver fachlicher Betreuung und Behandlung bedurften. In diesem Zusammenhang veränderten sich auch die Hilfsangebote im Rahmen der Heimat für Heimatlose GmbH. Aus Kinderfamilien wurden sozialpädagogische Einrichtungen für Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Hilfsmöglichkeiten in ambulanten, teilstationären und vollstationären Bereichen. Formen des betreuten Wohnens für Jugendliche wurden etabliert, Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Eltern rundeten die Angebotspalette ab. 

1990 wurde dann das Jugendwohlfahrtsgesetz durch das Kinder- und Jugendhilfegesetz abgelöst. Dieses achte Sozialgesetzbuch beschrieb bereits vorher vorhandene Strukturen und implementierte einen individuellen Rechtsanspruch auf Hilfen zur Erziehung. Die Fürsorgeerziehung wurde abgeschafft, die örtliche Unterbringung von Kindern und Jugendlichen angemahnt. Die neu im Gesetz verankerten Ansprüche und Mitwirkungsrechte von Betroffenen aber auch die Mitwirkung an der Jugendhilfeplanung sorgten in der Folge für einen innovativen Schub an Veränderungen inhaltlicher Art sowie für strukturelle Angebote in der Jugendhilfelandschaft in Deutschland. Das Verhältnis öffentlicher und freier Träger der Jugendhilfe wurde durch ein Gebot des partnerschaftlichen Miteinanders neu geprägt. Dies mit Leben zu füllen, bleibt übrigens eine ständige Aufgabe. 

Die Heimat für Heimatlose GmbH hat an diesen Entwicklungen nicht nur teilgenommen, sondern diese vorangetrieben - auch durch den Namenswechsel zur Evangelischen Jugendhilfe Friedenshort GmbH im Jahr 1992. Heute sind an vielen Standorten in der Bundesrepublik Hilfsangebote für junge Menschen und deren Familien etabliert, die den Intentionen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes entsprechen. Die Besinnung auf die Ressourcen von zu betreuenden Kindern, Jugendlichen und deren Familien ist ebenso Grundlage der Arbeit geworden wie das Anbieten maßgeschneiderter Hilfemöglichkeiten für Einzelne. Die Maßgaben des 8. Kinder und Jugendberichtes zu den Themen der Lebenswelt- und Sozialraumorientierung sind in vielen Bereichen in die Wirklichkeit sozialpädagogischen Handelns eingemündet. 
Die Evangelische Jugendhilfe Friedenshort GmbH ist ständig dabei, neue innovative Projekte zu initiieren und zu etablieren. Sie tut dies in enger Zusammenarbeit mit den jeweiligen Kommunen. Wir arbeiten mit in Kommunalen Jugendhilfeausschüssen, in Gremien der Diakonischen Werke und der entsprechenden Fachverbände auf Bundes- und Länderebene. Wir bringen unser Know-how dort ein, um politische Weichenstellungen zum Wohle der uns anvertrauten Menschen zu gestalten.

Wurzeln bewahren, aber neueste Erkenntnisse einbringen

Gesellschaftliche Veränderungen in Deutschland, einhergehend mit einer um sich greifenden Verarmung gesellschaftlicher Randgruppen eine zunehmende Suchtproblematik in Teilen der Gesellschaft, eine gravierende Zunahme psychischer Erkrankungen und andere Bedingungsfaktoren, führen zu einer stetig wachsenden Inanspruchnahme unserer Arbeitsfelder durch die öffentliche Jugendhilfe. Skandalträchtige und medienwirksame Einzelschicksale haben dazu geführt, das durch Gesetzesänderungen dem Kindesschutz höchste Priorität verliehen wurde. Eine hohe öffentliche Sensibilisierung führt zu täglichen Kindesschutzmeldungen bei den Jugendämtern. Die Folge ist eine Zunahme von Hilfen zur Erziehung für jüngere Kinder, die oft in stationäre Settings einmünden. Jugendämter sind längst an ihren Leistungsgrenzen angekommen, die finanziellen Auswirkungen finden mittlerweile in hohen politischen Gremien Beachtung. 

100 Jahre Evangelische Jugendhilfe Friedenshort GmbH. Unendlich viel hat sich verändert. Geblieben sind: Junge Menschen, die in großer innerer und äußerer Not stehen und unserer Hilfe bedürfen. Geblieben sind: Viele Mitarbeiter, die mit hoher fachlicher Kompetenz und großer Einsatzbereitschaft jungen Menschen auf der Schattenseite des Lebens ein Stück Wegbegleitung sein wollen. Sie nehmen diese jungen Menschen ohne Vorbehalte an und wissen, dass Liebe, Geborgenheit, Wertschätzung, Verlässlichkeit und Strukturen die Pfeiler sind, die junge Menschen brauchen, um gelingendes Leben leben zu können. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tun diese Arbeit in der Verpflichtung, die Tradition und die Wurzeln unseres Werkes zu wahren, jedoch gleichzeitig auf der Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse in Fragen der Sozialpädagogik und Sozialarbeit.

Seit 100 Jahren hat unser Werk bewiesen, dass es in der Lage ist, auf veränderte Bedingungen zu reagieren. Wir nehmen die Herausforderungen der Zukunft an, wir werden für junge Menschen und deren Familien adäquate Hilfsmöglichkeiten zur Verfügung stellen, wir werden auf den drohenden Mangel an Fachkräften sachgerecht reagieren. Denn wir wissen, dass es in unserem Land immer junge Menschen und Familien geben wird, die unsere Hilfe brauchen.

Reinhard Wüst, Regionalleiter Region West