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Der Jubiläumsanlass – für Mutter Eva war die GmbH-Gründung eine Randnotiz

Eva von Tiele-Winckler in mittleren Lebensjahren. Das Bild stammt aus ihrer Zeit in Bethel, zur erkennen an der dortigen Tracht.
Eva von Tiele-Winckler in mittleren Lebensjahren. Das Bild stammt aus ihrer Zeit in Bethel, zur erkennen an der dortigen Tracht.
Weihnachten in einer Kinderheimat
Weihnachten in einer Kinderheimat

Die „Heimat für Heimatlose“ wird 1913 zur GmbH, was wir im Friedenshort heute gemeinhin als Maßnahme großen Weitblicks bezeichnen. Nach unseren Informationen handelt es sich dabei – im Verbund mit einer evangelischen Stiftung – um die erste gemeinnützige GmbH in der Diakonie überhaupt! Es ist kennzeichnend für Mutter Eva, dass sie selbst nicht viel Aufhebens um diesen wichtigen Schritt macht. Für Menschen da zu sein, die in Not sind, Kindern eine Heimat zu geben, ihnen Gottes Liebe zu vermitteln und auf Gottes Führung zu vertrauen – das sind Aspekte, die für Eva von Tiele-Winckler wesentlich sind, auch wenn es darum geht, über den Friedenshort und seine Arbeit zu berichten.

So ist die GmbH-Gründung für Mutter Eva im besten Wortsinn nur eine Randnotiz. Lediglich in wenigen Zeilen geht sie im Kapitel „Schlussbemerkungen“ ihres Buches „Nichts unmöglich“ darauf ein. Darin wird aber zumindest ansatzweise deutlich, dass es damals um eine große Tragweite ging. Nach der Eröffnung der ersten Kinderheimat auf dem Warteberg bekam der Friedenshort etliche neue Angebote für Häuser und Grundstücke, um die „Heimat für Heimatlose“ zu erweitern und neue Kinderheimaten zu gründen. Dies war vor allem der regen Vortragstätigkeit Mutter Evas zu verdanken, die im ganzen damaligen Deutschen Reich unterwegs war, um über die diakonische Arbeit des Friedenshortes zu berichten. Wenn man so will, war dies ihre persönliche Form von Öffentlichkeitsarbeit.

"Was sollten wir tun?"

Die Liegenschafts-Angebote nahm der Friedenshort dankbar an. Wie Mutter Eva darlegt, wurden die neuen Häuser und Grundstücke zunächst unter dem Dach der 1897 gegründeten Stiftung Friedenshort versammelt. Den kurzen Zeilen ist zu entnehmen, dass es wohl seitens der damaligen Reichsregierung ein deutliches Veto gab. Demnach habe die Stiftung nicht ausreichendes Eigenkapital, um diese Erweiterungen unterhalten zu können! Außerdem wäre – wie Mutter Eva ausführt – eine hohe Steuerlast auf den Friedenshort zugekommen. „Da war die Verlegenheit groß. Was sollten wir tun?“, schreibt Mutter Eva. Nicht näher bezeichnete Berater rieten dann zur Gründung einer GmbH, „die aufgrund ihres wohltätigen Zweckes willen steuerfrei ist.“

Wie Mutter Eva am Ende dieser Schlussbemerkungen ausführt, traten die Grundstücksbesitzer der neu gegründeten Kinderheimaten als Gesellschafter in die GmbH ein und übergaben ihren Besitz als Stammeinlage in die Gesellschaft. Ausdrücklich verweist sie darauf, dass keine Verantwortung, aber auch keine Rechte damit verbunden waren. Aber es gab – die wohl auch damals schon vorgeschriebene – jährliche Gesellschafterversammlung. 

Als „bequeme Form ein so umfangreiches Werk zu führen und in mancher Beziehung mehr zu empfehlen als die Form eines eingetragenen Vereins oder einer Stiftung“ – so enden Mutter Evas Bemerkungen zur GmbH-Gründung. Rückblickend lässt sich sagen, dass diese Weichenstellung damals existenziell war, dass es sonst gar nicht zu den später immer zahlreicher werdenden, in allen Himmelsrichtungen verteilten Kinderheimaten hätte kommen können. Immerhin war die Zahl an Kinderheimaten bis kurz vor Ausbruch des 2. Weltkriegs bereits auf rund 40 angewachsen. Und vermutlich würde es die Jugendhilfearbeit des Friedenshortes in dieser Ausdehnung und geografischen Verteilung, wie sie sich heute darstellt, ohne die GmbH-Gründung gar nicht geben. 

Henning Siebel